Labrumriss der Schulter (SLAP-Läsion): Symptome, Behandlung und Heilungsdauer

Ein tiefes Schulterknacken beim Werfen. Ein einschießender Schmerz beim Anheben schwerer Gegenstände. Ein Gefühl der Instabilität, als würde die Schulter „nicht mehr richtig festsitzen". Der Labrumriss der Schulter ist eine der häufigsten und gleichzeitig am schwierigsten zu diagnostizierenden Schulterverletzungen. Er trifft besonders Wurfsportler, Kletterer, Volleyballspieler und Menschen nach Schulterluxation, aber auch ältere Betroffene mit degenerativen Veränderungen. Anders als bei der Rotatorenmanschette oder dem Impingement sind die Symptome oft unspezifisch, was die Diagnose herausfordernd macht. Wer die Erkrankung versteht und die passende Behandlung wählt, kann die Beschwerden meist gut in den Griff bekommen. Dieser Beitrag zeigt, worauf es ankommt.

Was ist das Labrum und was macht es?

Das Labrum glenoidale ist ein ringförmiger Knorpelsaum, der die knöcherne Gelenkpfanne des Schulterblatts umgibt. Anatomisch gesehen ist die Gelenkpfanne der Schulter erstaunlich flach im Vergleich zum großen Kopf des Oberarmknochens. Ohne das Labrum wäre die Schulter praktisch nicht stabil, weil der Kopf ständig aus der Pfanne rutschen würde. Das Labrum vertieft die Gelenkpfanne um etwa 50 Prozent und wirkt wie eine Dichtung, die den Oberarmkopf sanft in der Pfanne hält. Zusätzlich bietet es Ansatzpunkte für mehrere wichtige Bandstrukturen und die lange Bizepssehne.

Der Labrumsaum umläuft die gesamte Gelenkpfanne. Je nach Lokalisation der Verletzung werden verschiedene Formen unterschieden. Die SLAP-Läsion (Superior Labrum Anterior to Posterior) beschreibt einen Riss am oberen Labrum, dort wo die lange Bizepssehne ansetzt. Sie ist besonders bei Wurfsportlern und nach Traumata häufig. Die Bankart-Läsion ist ein Riss am vorderen unteren Labrum und tritt typischerweise nach einer Schulterluxation nach vorne auf. Die reverse Bankart-Läsion ist die hintere Variante und entsteht nach einer seltenen hinteren Schulterluxation.

Wie entsteht ein Labrumriss?

Es gibt zwei grundsätzliche Entstehungsmechanismen. Bei einem akuten Trauma reißt das Labrum durch eine einmalige, meist heftige Belastung. Klassische Situationen sind eine Schulterluxation, ein Sturz auf den ausgestreckten Arm, ein direkter Anprall auf die Schulter, ruckartige Zugbelastungen und Wurfverletzungen im Sport. Nach einer Schulterluxation ist die Bankart-Läsion die häufigste Begleitverletzung und wird bei über 90 Prozent der Erstluxationen gefunden.

Chronische Überlastung führt zu einem allmählichen Verschleiß des Labrums. Betroffen sind besonders Wurfsportler (Handball, Volleyball, Baseball, Speerwurf), Kletterer, Schwimmer und Menschen mit repetitiven Überkopfbewegungen im Beruf. Auch bei jahrelangem Krafttraining mit hohen Belastungen können sich SLAP-Läsionen entwickeln. Bei älteren Betroffenen ab dem 50. Lebensjahr kommen degenerative Veränderungen hinzu, oft in Kombination mit Rotatorenmanschettenläsionen.

Die typischen Symptome

Die Symptome sind vielfältig und oft unspezifisch. Klassisch sind tiefsitzende Schulterschmerzen, die sich bei bestimmten Bewegungen verstärken. Betroffene beschreiben oft ein Klicken, Knacken oder Schnappen im Gelenk, besonders bei Überkopfbewegungen. Ein Gefühl der Instabilität mit dem Eindruck, die Schulter würde „rausrutschen", ist häufig. Kraftverlust bei bestimmten Bewegungen, insbesondere beim Anheben von Lasten und beim Werfen. Nachtschmerzen beim Liegen auf der betroffenen Schulter.

Bei einer klassischen SLAP-Läsion tritt der Schmerz besonders bei Überkopfbewegungen und beim Werfen auf. Wurfsportler bemerken einen Leistungsabfall, weil die Schleuderbewegung nicht mehr die gewohnte Kraft entfalten kann. Bei einer Bankart-Läsion nach Schulterluxation dominieren Instabilitätsgefühle und die Angst vor erneutem Ausrenken. Häufig treten begleitende Beschwerden auf, weil das Labrum eng mit der Bizepssehne, den Gelenkbändern und der Rotatorenmanschette zusammenhängt. Details zur Bizepssehne finden Sie in unserem Beitrag zur Bizepssehnenentzündung. Details zur Rotatorenmanschette finden Sie auf unserer Seite zur Rotatorenmanschettenläsion.

Diagnostik: Der schwierige Weg zur richtigen Diagnose

Die Labrumdiagnose ist eine der anspruchsvollsten in der Schulterorthopädie. Die klinische Untersuchung liefert Hinweise, ist aber selten beweisend. Verschiedene spezifische Tests wie der O'Brien-Test, der Speed-Test oder der Yergason-Test können SLAP-Läsionen andeuten. Der Apprehension-Test und der Relocation-Test weisen auf Instabilität mit Bankart-Läsion hin. Kein einzelner Test hat aber eine hohe Sensitivität und Spezifität. Erst die Kombination mehrerer Tests plus Bildgebung ermöglicht eine sichere Diagnose.

Die bildgebende Diagnostik beginnt mit dem Röntgen zum Ausschluss knöcherner Begleitverletzungen. Der Ultraschall ist bei Labrumverletzungen selbst weniger aussagekräftig, kann aber begleitende Weichteilprobleme aufzeigen. Der Goldstandard für die Labrumdiagnose ist das MRT, idealerweise mit intraartikulärem Kontrastmittel (MR-Arthrografie). Das Kontrastmittel wird direkt ins Gelenk gespritzt und stellt das Labrum präzise dar. Diese Untersuchung erhöht die Treffsicherheit erheblich. Bei komplexen Fällen oder für die Operationsplanung nutzen wir zusätzlich die Digitale Volumentomographie, die dreidimensionale Bilder bei geringer Strahlenbelastung liefert.

Wichtig ist zu wissen: Auch das MRT kann bei kleinen Rissen unauffällig sein. In manchen Fällen ist die endgültige Diagnose erst bei einer diagnostischen Arthroskopie möglich. Bei starkem klinischen Verdacht trotz unauffälligem MRT sollte das Weitergehen mit einem erfahrenen Schulterspezialisten besprochen werden.

Konservative Behandlung: Wann sie ausreicht

Nicht jeder Labrumriss muss operiert werden. Bei leichten Rissen, degenerativen Veränderungen bei älteren Betroffenen und bei akuten Verletzungen ohne ausgeprägte Instabilität ist die konservative Behandlung oft erfolgreich. Sie stützt sich auf mehrere Bausteine.

In der akuten Phase steht die Schmerzkontrolle im Vordergrund. Entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen oder Diclofenac in Standarddosierung über eine bis zwei Wochen lindern die Beschwerden. Kühlung nach Belastung reduziert die Reizung. Eine kurzzeitige Ruhigstellung mit einer Schulterschlinge kann in der Akutphase sinnvoll sein, sollte aber nicht länger als wenige Tage durchgehalten werden, weil sonst eine sekundäre Steife droht.

Der zentrale Baustein ist die strukturierte Physiotherapie über mindestens drei bis sechs Monate. Sie fokussiert sich auf mehrere Ziele. Erstens die Verbesserung der Beweglichkeit, ohne die Instabilität zu verstärken. Zweitens die gezielte Kräftigung der stabilisierenden Muskulatur, insbesondere der Rotatorenmanschette und der Schulterblatt-Stabilisatoren. Ein gut trainiertes Muskelkorsett kompensiert einen Teil der verlorenen Stabilität durch das gerissene Labrum. Drittens propriozeptives Training, das die neuromuskuläre Kontrolle über das Schultergelenk verbessert. Viertens die Anpassung der Belastung im Alltag und Sport, insbesondere die Vermeidung von Überkopfbelastungen in der Anfangsphase.

Bei chronischen Reizungen und degenerativen Veränderungen kann die Eigenbluttherapie mit körpereigenen Wachstumsfaktoren die Regeneration unterstützen. Sie ist eine Ergänzung zur konservativen Basisbehandlung und kann besonders bei Betroffenen mit begleitenden Sehnenreizungen sinnvoll sein. Kortisoninjektionen ins Schultergelenk können in Schmerzphasen kurzfristig helfen, werden aber wegen der langfristig ungünstigen Wirkung auf Sehnen und Bänder zurückhaltend eingesetzt.

Wann wird operiert?

Die Operation wird bei mehreren Konstellationen erwogen. Bei jungen sportlich aktiven Betroffenen mit einer klaren Bankart-Läsion nach Erstluxation, weil das Rezidivrisiko ohne Operation über 80 Prozent liegt. Bei ausgeprägter Instabilität mit wiederkehrenden Luxationen. Bei therapieresistenten SLAP-Läsionen bei Wurfsportlern nach mindestens drei bis sechs Monaten konsequenter konservativer Behandlung. Bei erheblichem Kraftverlust, der den Alltag oder Beruf massiv einschränkt. Bei komplexen Kombinationsverletzungen mit gleichzeitiger Rotatorenmanschettenverletzung.

Der Eingriff wird heute standardmäßig arthroskopisch durchgeführt. Über zwei bis drei kleine Zugänge werden mit einer Kamera und feinen Instrumenten die Labrumreparatur durchgeführt. Bei Bankart-Läsionen wird der abgerissene Labrumteil mit kleinen Fadenankern am Knochen refixiert. Bei SLAP-Läsionen gibt es je nach Rissform verschiedene Techniken von der Naht des Labrums bis zur Tenodese der Bizepssehne. Die Operation dauert etwa 45 bis 90 Minuten und wird meist ambulant oder mit kurzem stationärem Aufenthalt durchgeführt.

Rehabilitation und Heilungsdauer

Die Rehabilitation ist der entscheidende Baustein für ein gutes Ergebnis. Sie folgt einem strukturierten Aufbau über mehrere Monate. In den ersten vier bis sechs Wochen nach OP wird die Schulter in einer Schulterschlinge oder Abduktionsorthese ruhiggestellt. Passive Bewegungsübungen beginnen früh, aktive Bewegungen später. Ab Woche sechs bis zwölf folgt der progressive Kraftaufbau der Rotatorenmanschette und Schulterblatt-Stabilisatoren. Ab Monat drei bis sechs beginnt das sportartspezifische Training. Volle Belastbarkeit im Wurf- und Kontaktsport ist erst nach sechs bis neun Monaten sinnvoll.

Ohne Operation und mit strukturierter konservativer Behandlung sind viele Betroffene nach drei bis sechs Monaten deutlich beschwerdeärmer. Die vollständige Rückkehr in Überkopfsportarten kann bei degenerativen Verläufen länger dauern und ist manchmal nur mit angepasster Belastung möglich.

Prognose

Die Prognose nach Labrumreparatur ist bei jüngeren Betroffenen mit isolierten Verletzungen sehr gut. Rund 85 bis 90 Prozent kehren erfolgreich in ihre gewohnten sportlichen Aktivitäten zurück. Bei Wurfsportlern mit hohem Leistungsanspruch (Baseball, Handball auf Profi-Niveau) ist die Rückkehr auf das ursprüngliche Leistungsniveau anspruchsvoller. Bei kombinierten Verletzungen und älteren Betroffenen sind die Ergebnisse etwas weniger vorhersehbar, aber meist zufriedenstellend.

Ohne adäquate Behandlung schreitet eine Labrumverletzung oft langsam voran. Die Instabilität kann sekundär zu Knorpelschäden und einer sekundären Schulterarthrose führen. Deshalb ist eine frühzeitige Klärung und passende Behandlung wichtig.

FAQ: Häufige Fragen zum Labrumriss der Schulter

Was tun bei Labrumriss in der Schulter?


Erster Schritt ist die klare Diagnose durch Untersuchung, MRT und gegebenenfalls MR-Arthrografie. Bei leichten Rissen und degenerativen Veränderungen ist konservative Behandlung mit strukturierter Physiotherapie über drei bis sechs Monate, entzündungshemmenden Medikamenten und Belastungsanpassung erfolgreich. Bei jungen sportlich Aktiven mit klarer Bankart-Läsion nach Luxation, therapieresistenten SLAP-Läsionen bei Wurfsportlern und ausgeprägter Instabilität ist die arthroskopische Operation die richtige Wahl.

Wie wird ein Labrumriss behandelt?


Konservativ mit Physiotherapie, Krafttraining der Rotatorenmanschette und Schulterblatt-Stabilisatoren, propriozeptivem Training und Belastungsanpassung. Bei chronischen Reizungen kann die Eigenbluttherapie ergänzend helfen. Operativ mit arthroskopischer Refixation des Labrums mit kleinen Fadenankern (Bankart-Reparatur bei Instabilität) oder mit verschiedenen SLAP-Techniken je nach Rissform. Die Wahl richtet sich nach Alter, Aktivitätsniveau, Verletzungsmuster und individuellem Leidensdruck.

Wie entsteht ein Riss im Labrum?


Zwei Grundmechanismen: akutes Trauma und chronische Überlastung. Akute Verletzungen entstehen durch Schulterluxation (Bankart-Läsion), Sturz auf den ausgestreckten Arm, direkten Anprall oder ruckartige Zugbelastungen. Chronische Überlastung führt zu allmählichem Verschleiß, besonders bei Wurfsportlern (Handball, Volleyball, Baseball), Kletterern, Schwimmern und Menschen mit repetitiven Überkopfbewegungen. Bei älteren Betroffenen ab 50 Jahren spielen degenerative Veränderungen eine Rolle.

Muss ein Labrumriss immer operiert werden?


Nein. Bei leichten Rissen, degenerativen Veränderungen und akuten Verletzungen ohne ausgeprägte Instabilität ist konservative Behandlung oft erfolgreich. Die Operation wird bei jungen sportlich Aktiven nach Erstluxation mit Bankart-Läsion (hohes Rezidivrisiko), bei ausgeprägter Instabilität mit wiederkehrenden Luxationen, bei therapieresistenten SLAP-Läsionen bei Wurfsportlern und bei komplexen Kombinationsverletzungen erwogen.

Wie lange dauert die Heilung eines Labrumrisses?


Ohne Operation sind viele Betroffene nach drei bis sechs Monaten strukturierter konservativer Behandlung deutlich beschwerdeärmer. Nach Operation dauert die Rehabilitation etwa sechs bis neun Monate: erste vier bis sechs Wochen Ruhigstellung mit früher passiver Mobilisation, ab Woche sechs bis zwölf progressiver Kraftaufbau, ab Monat drei bis sechs sportartspezifisches Training. Volle Belastbarkeit im Wurf- und Kontaktsport nach sechs bis neun Monaten.

Welche Übungen helfen bei Labrumriss?


Der Fokus liegt auf der Kräftigung der Rotatorenmanschette und der Schulterblatt-Stabilisatoren. Bewährte Übungen sind isometrische Kräftigungen mit dem Theraband (Außenrotation, Innenrotation gegen Widerstand), Schulterblatt-Aktivierung mit Rudern und Reverse Flys, Wandpush-ups und Wandkletter-Übungen. Wichtig ist die Ausführung im schmerzarmen Bereich und die anfängliche Anleitung durch eine Physiotherapeutin oder einen Physiotherapeuten mit Schulterkompetenz. Über-Kopf-Belastungen sollten in der Anfangsphase vermieden werden.

Kann ein Labrumriss ohne OP heilen?


Ein einmal entstandener Labrumriss heilt anatomisch nur bedingt zusammen, weil das Labrum eine relativ schlechte Blutversorgung hat. Was aber sehr wohl möglich ist: eine deutliche Beschwerdefreiheit trotz bestehendem Riss. Durch gezielten Muskelaufbau kompensiert die Schulter die verlorene Stabilität. Bei leichten Rissen und degenerativen Verläufen erreichen 60 bis 70 Prozent der Betroffenen mit konservativer Behandlung eine gute Symptomkontrolle. Bei akuter Bankart-Läsion nach Luxation bei jungen Sportlern ist das anders: hier ist ohne OP das Rezidivrisiko sehr hoch.

Wie erkennt man einen Labrumriss?


Die Symptome sind oft unspezifisch: tiefsitzende Schulterschmerzen bei bestimmten Bewegungen, Klicken oder Schnappen im Gelenk (besonders bei Überkopfbewegungen), Gefühl der Instabilität, Kraftverlust bei bestimmten Bewegungen und Nachtschmerzen. Klinische Tests wie O'Brien-Test, Speed-Test oder Apprehension-Test geben Hinweise, sind aber nicht beweisend. Die endgültige Diagnose erfolgt meist per MRT mit intraartikulärem Kontrastmittel (MR-Arthrografie).

Welche Sportarten sind nach Labrumriss möglich?


Nach abgeschlossener Rehabilitation sind praktisch alle Sportarten wieder möglich. Bei Rezidivrisiko oder ausgeprägten Verletzungen sollten Sportarten mit hohem Überkopfanteil oder Sturzrisiko (Volleyball, Handball, Turnen, Kampfsport) in den ersten sechs bis zwölf Monaten reduziert werden. Empfohlen sind gelenkschonende Sportarten wie Radfahren, Schwimmen mit Rückenkraul, Nordic Walking und moderates Krafttraining mit angepassten Übungen. Die Rückkehr in Wurfsportarten sollte schrittweise und unter physiotherapeutischer Anleitung erfolgen.

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