Was sind Nervenwurzeln und Spinalnerven?
Auf jeder Höhe der Wirbelsäule treten links und rechts Nervenwurzeln aus dem Rückenmark aus. Sie vereinigen sich zu einem Spinalnerv, der die Wirbelsäule durch eine seitliche Öffnung verlässt, das Nervenaustrittsloch oder Neuroforamen. Insgesamt hat der Mensch 31 Spinalnervenpaare: acht im Halsbereich (C1 bis C8), zwölf im Brustbereich (Th1 bis Th12), fünf im Lendenbereich (L1 bis L5), fünf im Kreuzbeinbereich (S1 bis S5) und ein Steißbeinnervenpaar.
Jeder Spinalnerv enthält Fasern für Gefühl, für Bewegung und für die Steuerung innerer Vorgänge. Er versorgt ein bestimmtes Hautareal, das sogenannte Dermatom, und bestimmte Muskeln, die Kennmuskeln. Diese feste Zuordnung ist für uns in der Untersuchung sehr hilfreich.
Welcher Nerv ist wofür zuständig?
Aus den Nerven der Halswirbelsäule entsteht das Armgeflecht, der Plexus brachialis, der Schulter, Arm und Hand versorgt. Vereinfacht gesagt, zieht die Nervenwurzel C6 zum Daumen, C7 zum Mittelfinger und C8 zum Ring- und kleinen Finger. Eine Reizung der Wurzel C6 macht deshalb oft Beschwerden an der Daumenseite des Unterarms, eine Reizung von C8 an der Kleinfingerseite. Mehr zu den typischen Ursachen im Halsbereich lesen Sie in unserem Beitrag zur Neuroforamenstenose der HWS.
Die Brustnerven verlaufen gürtelförmig zwischen den Rippen und versorgen Brustkorb und Bauchwand. Beschwerden aus diesem Bereich werden manchmal mit Herz- oder Magenproblemen verwechselt.
Aus den Nerven der Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins entstehen die Nerven für Becken und Beine, darunter der Ischiasnerv, der dickste Nerv des Körpers. Die Wurzel L4 versorgt die Innenseite des Unterschenkels, L5 den Fußrücken und die Großzehe, S1 die Außenseite des Fußes und die Fußsohle. Eine Reizung dieser Wurzeln ist die typische Ursache für Schmerzen, die vom Rücken ins Bein ziehen, beschrieben in unserem Beitrag zur Lumboischialgie.
In der Sprechstunde nutzen wir diese Zuordnung täglich. Wenn jemand beschreibt, dass das Kribbeln genau am Fußrücken bis zur Großzehe verläuft, können wir oft schon vor jeder Bildgebung sagen, welche Nervenwurzel wahrscheinlich betroffen ist, und das Bild gezielt daraufhin prüfen.
Was kann Nerven an der Wirbelsäule reizen?
Die häufigsten Ursachen für eine Nervenreizung an der Wirbelsäule sind altersbedingte Veränderungen und Bandscheibenvorfälle. Bei einem Bandscheibenvorfall tritt Gewebe aus dem Inneren der Bandscheibe aus und drückt auf eine Nervenwurzel. Das betrifft eher jüngere und mittelalte Menschen und beginnt oft plötzlich.
Mit den Jahren verlieren die Bandscheiben an Höhe, die kleinen Wirbelgelenke verdicken sich, Bänder werden steifer, und es bilden sich knöcherne Anbauten. Diese Veränderungen, bekannt als Osteochondrose und Spondylarthrose, können den Wirbelkanal oder die Nervenaustrittslöcher einengen. Man spricht dann von einer Spinalkanalstenose oder einer Foramenstenose. Einen ausführlichen Überblick finden Sie auf unserer Seite zu Spinalkanal- und Foramenstenose.
Wichtig ist: Nicht jede Veränderung im Bild drückt auch auf einen Nerv. Wir sehen häufig Patientinnen und Patienten, die nach einem MRT-Befund mit dem Wort „Foramenstenose“ große Sorgen haben, obwohl ihre Beschwerden gar nicht zur beschriebenen Höhe passen. Studien zeigen, dass solche Verschleißzeichen schon bei vielen Menschen ohne Rückenschmerzen vorkommen. Entscheidend ist, ob Beschwerdebild, Untersuchung und Bildbefund zusammenpassen.
Woran erkennt man eine Nervenreizung?
Ein eingeengter Nerv meldet sich typischerweise nicht nur mit Schmerz, sondern mit ausstrahlenden Beschwerden entlang seines Versorgungsgebiets. Dazu gehören ein ziehender, oft brennender Schmerz, der in Arm oder Bein ausstrahlt, Kribbeln und Ameisenlaufen, Taubheitsgefühle in einem umschriebenen Hautareal sowie eine Schwäche bestimmter Muskeln. Ein Nervenschmerz fühlt sich häufig anders an als ein Muskelschmerz: elektrisierend, einschießend und schlecht lokalisierbar.
Kribbeln in Händen oder Beinen kann allerdings auch ganz andere Ursachen haben, etwa eine Einengung des Nervs am Handgelenk oder Ellenbogen, eine Polyneuropathie oder einen Vitaminmangel. Mehr dazu lesen Sie in unseren Beiträgen zu Kribbeln in den Händen und Kribbeln in den Beinen.
Wie untersuchen wir die Nerven der Wirbelsäule?
Die Grundlage ist die neurologisch-orthopädische Untersuchung. Wir prüfen die Kraft der Kennmuskeln, die Reflexe, das Gefühl in den einzelnen Dermatomen und spezielle Dehnungstests der Nerven. Damit lässt sich die betroffene Höhe oft gut eingrenzen.
Um die Funktion eines Nervs objektiv zu messen, bieten wir die Elektromyographie und Neurographie an. Mit dem EMG können wir unterscheiden, ob ein Nerv an der Wirbelsäule oder weiter außen, etwa am Ellenbogen, eingeengt ist, und ob bereits eine Schädigung vorliegt. Ergänzend kann die strahlenfreie 4D-Wirbelsäulenvermessung Haltung und Statik der Wirbelsäule darstellen. Sie ist eine Selbstzahlerleistung, deren Kosten wir vorher offen mit Ihnen besprechen, und ersetzt keine Schnittbildgebung. Ein MRT zeigt Bandscheiben, Nervenwurzeln und Rückenmark und ist sinnvoll, wenn die Beschwerden trotz Behandlung anhalten, wenn neurologische Ausfälle bestehen oder eine Operation erwogen wird.
Wie werden Nervenreizungen behandelt?
Die meisten Nervenreizungen an der Wirbelsäule bessern sich ohne Operation. Am Anfang stehen eine gezielte Schmerzbehandlung, damit Bewegung wieder möglich wird, und Physiotherapie, die entlastende Haltungen, Beweglichkeit und die Kräftigung der Rumpfmuskulatur trainiert. Bei stärkeren Beschwerden können Injektionen an die gereizte Nervenwurzel die Entzündung lindern. Bettruhe empfehlen wir bei Rückenschmerzen mit Nervenbeteiligung nicht. Wer in Bewegung bleibt, erholt sich nach unserer Erfahrung meist schneller.
Eine Operation ist sinnvoll, wenn eine deutliche oder zunehmende Lähmung besteht, wenn starke Schmerzen trotz konsequenter konservativer Behandlung über Wochen nicht besser werden oder wenn eine Spinalkanalstenose die Gehstrecke stark einschränkt.
Wann sollten Sie sofort handeln?
Suchen Sie umgehend eine Notaufnahme auf, wenn Rücken- oder Beinschmerzen zusammen mit Taubheit im Genital- oder Gesäßbereich, Problemen beim Wasserlassen oder Stuhlgang oder einer plötzlichen Schwäche beider Beine auftreten. Diese Zeichen können auf ein Kauda-Syndrom hinweisen, einen seltenen Notfall, der rasch behandelt werden muss. Auch eine rasch zunehmende Lähmung, etwa wenn Sie den Fuß plötzlich nicht mehr anheben können, sollte noch am selben Tag ärztlich beurteilt werden.
FAQ: Häufige Fragen zu den Nerven der Wirbelsäule
Wie viele Nerven hat die Wirbelsäule?
Aus dem Rückenmark treten 31 Spinalnervenpaare aus: acht im Hals-, zwölf im Brust-, fünf im Lenden-, fünf im Kreuzbein- und ein Paar im Steißbeinbereich. Jeder dieser Nerven versorgt ein bestimmtes Hautareal und bestimmte Muskeln.
Welche Nerven der Wirbelsäule gehen in die Beine?
Die Beine werden vor allem von den Nervenwurzeln L2 bis S1 versorgt. Aus ihnen entstehen unter anderem der Oberschenkelnerv (Nervus femoralis) und der Ischiasnerv.
Kann ein eingeklemmter Nerv an der Wirbelsäule von selbst heilen?
Ja, in vielen Fällen. Gerade Beschwerden durch einen Bandscheibenvorfall bessern sich oft innerhalb von sechs bis zwölf Wochen deutlich, weil das ausgetretene Gewebe schrumpft und die Entzündung abklingt. Bei Lähmungen oder Blasen- und Darmstörungen sollte jedoch nicht abgewartet werden.
Woran erkenne ich, ob der Schmerz vom Nerv oder vom Muskel kommt?
Nervenschmerzen strahlen typischerweise in Arm oder Bein aus, werden als brennend oder elektrisierend beschrieben und gehen oft mit Kribbeln oder Taubheit einher. Muskelschmerzen sind eher dumpf, lokal und bewegungsabhängig. Eine sichere Unterscheidung gelingt durch die ärztliche Untersuchung.
Wer untersucht Nerven an der Wirbelsäule?
Orthopädinnen und Orthopäden sowie Neurologinnen und Neurologen. In orthopädischen Praxen mit eigener Nervenmessung (EMG) lassen sich mechanische Ursachen an der Wirbelsäule und die Nervenfunktion in einem Termin gemeinsam beurteilen.
Was ist ein Dermatom?
Ein Dermatom ist das Hautareal, das von einer bestimmten Nervenwurzel versorgt wird. Anhand der Frage, wo genau Kribbeln oder Taubheit auftreten, lässt sich eingrenzen, welche Nervenwurzel an der Wirbelsäule betroffen sein könnte.
Welche Nerven der Halswirbelsäule versorgen Arme und Hände?
Die Nervenwurzeln C5 bis Th1 bilden das Armgeflecht. Vereinfacht zieht C6 zum Daumen, C7 zum Mittelfinger und C8 zum kleinen Finger. Beschwerden in bestimmten Fingern geben deshalb Hinweise auf die betroffene Höhe.
Hilft die 4D-Wirbelsäulenvermessung bei Nervenbeschwerden?
Die 4D-Wirbelsäulenvermessung stellt Haltung und Statik der Wirbelsäule strahlungsfrei dar. Nerven und Bandscheiben zeigt sie nicht. Sie kann die Therapieplanung ergänzen, ersetzt aber weder MRT noch Nervenmessung. Sie ist eine Selbstzahlerleistung.
In unserer orthopädischen Praxis im Kölner Agnesviertel verbinden wir die klinische Untersuchung mit Nervenmessung und gezielter Bildgebung, um Nervenbeschwerden an der Wirbelsäule genau einzuordnen. Wenn Schmerzen, Kribbeln oder Taubheit in Arm oder Bein Sie beschäftigen, untersuchen wir das gerne.
Weiterführende Informationen: Spinalkanal- und Foramenstenose