Anatomie: Die Bizepssehne im Schultergelenk
Der Bizepsmuskel (Musculus biceps brachii) hat zwei Ursprungssehnen, die an der Schulter entspringen. Die kurze Bizepssehne setzt am Rabenschnabelfortsatz des Schulterblatts an, die lange Bizepssehne verläuft durch das Schultergelenk selbst und setzt am oberen Rand der Gelenkpfanne an. Die lange Bizepssehne ist die deutlich häufiger betroffene Struktur bei Beschwerden. Sie zieht durch eine knöcherne Rinne am Oberarmkopf (den sogenannten Sulcus intertubercularis), umgeben von einer Sehnenscheide, und tritt dann in das eigentliche Schultergelenk ein.
Diese anatomisch anspruchsvolle Route macht sie besonders anfällig für Reizungen. Bei jeder Bewegung des Arms gleitet die Sehne in ihrer knöchernen Rinne auf und ab. Wenn diese Rinne knöcherne Anbauten aufweist, wenn die Sehne mechanisch bedrängt wird oder wenn eine chronische Überlastung besteht, entstehen Reizungen und Entzündungen. Bei fortgeschrittener Reizung kann die Sehne strukturell geschädigt werden und schließlich reißen.
Bizepssehnenentzündung versus Bizepssehnenriss
Beide Krankheitsbilder gehen ineinander über. Die Bizepssehnenentzündung ist die akute oder chronische Reizung der Sehne mit begleitender Entzündung der Sehnenscheide. Sie geht mit Schmerzen, aber ohne strukturelle Durchtrennung einher. Der Bizepssehnenriss (Ruptur) ist die komplette Durchtrennung der Sehne, meist in vorgeschädigtem Gewebe nach chronischer Reizung. Charakteristisch für den Riss ist der klassische „Popeye-Muskel" am Oberarm, ein sichtbar tiefergerutschter Muskelbauch, der wie ein aufgepumpter Ballon aussieht.
Der Riss selbst verursacht paradoxerweise oft weniger Schmerz als die vorangegangene Sehnenreizung. Wer die chronische Bizepssehnenentzündung ernst nimmt und behandelt, verhindert in vielen Fällen den späteren Riss.
Ursachen: Warum reizt sich die Bizepssehne?
Die Bizepssehnenentzündung tritt selten isoliert auf. Meist ist sie Folge oder Begleiterscheinung anderer Schultererkrankungen. Klassische Ursachen sind das Impingement-Syndrom, bei dem die Sehne unter dem Schulterdach eingeklemmt wird, Rotatorenmanschettenläsionen mit begleitender Reizung der Bizepssehne, chronische Überlastung durch Überkopfsportarten wie Volleyball, Handball, Speerwurf, Klettern und Schwimmen, wiederholte berufliche Belastungen mit Überkopftätigkeiten (Maler, Elektriker, Handwerker), altersbedingte degenerative Veränderungen ab dem 40. bis 50. Lebensjahr und akute Traumata wie Stürze auf den ausgestreckten Arm.
Auch beim Krafttraining mit falscher Technik oder überhöhten Gewichten (insbesondere bei intensivem Bankdrücken oder Schulterdrücken) treten Bizepssehnenreizungen häufig auf. Bei jungen sportlichen Menschen ist die akute Überlastung typisch, bei älteren Betroffenen dominieren die degenerativen Veränderungen.
Wie fühlt sich eine Bizepssehnenentzündung an?
Der Schmerz sitzt klassisch an der Vorderseite der Schulter, meist im Bereich der knöchernen Rinne am Oberarmkopf. Betroffene können ihn oft präzise mit einem Finger lokalisieren. Er strahlt häufig in den vorderen Oberarm aus, gelegentlich auch bis zum Ellenbogen. Charakteristisch ist der Schmerz bei bestimmten Bewegungen: Anheben des Arms nach vorne über 90 Grad, Drehung des Unterarms mit gebeugtem Ellenbogen (etwa beim Öffnen einer Wasserflasche), Kraft gegen Widerstand beim Beugen des Ellenbogens, Griff nach hinten in die Hosentasche, Überkopfbewegungen im Sport.
Häufig kommt es zu Nachtschmerzen, besonders beim Liegen auf der betroffenen Schulter. Die Bewegungseinschränkung ist meist milder als bei einer Frozen Shoulder oder einer ausgeprägten Rotatorenmanschettenläsion, aber vorhanden. Ein deutlicher Druckschmerz über der Bizepssehnenrinne ist ein typisches klinisches Zeichen.
Bei fortgeschrittener Reizung mit beginnender Sehnenschädigung wird der Schmerz konstanter und trittt auch in Ruhe auf. In diesem Stadium ist die Rissgefahr deutlich erhöht.
Diagnostik: Klinische Tests und Bildgebung
Die klinische Untersuchung liefert bereits wichtige Hinweise. Klassische Tests sind der Speed-Test (Widerstand gegen Armhebung bei gestrecktem und supinierten Arm), der Yergason-Test (Widerstand gegen Supination bei gebeugtem Ellenbogen) und die Palpation der Bizepssehnenrinne. Provozieren diese Tests den typischen Schmerz an der Vorderseite der Schulter, ist die Bizepssehnenentzündung sehr wahrscheinlich.
Der Ultraschall in erfahrenen Händen ist das ideale bildgebende Verfahren. Er stellt die Sehne, die umgebende Sehnenscheide, Ergüsse und mögliche Strukturschäden präzise dar. Im Verlauf ermöglicht er außerdem eine dynamische Beurteilung während der Bewegung. Bei komplexen Fällen oder Verdacht auf begleitende Rotatorenmanschettenläsionen ergänzen wir das MRT. Details zur Rotatorenmanschette und ihren Erkrankungen finden Sie auf unserer Seite zur Rotatorenmanschettenläsion.
Konservative Behandlung
Die konservative Behandlung ist bei der Bizepssehnenentzündung in fast allen Fällen der erste Schritt und führt bei rund 80 Prozent der Betroffenen zum Erfolg. Sie stützt sich auf mehrere Bausteine.
Zunächst steht die Belastungsanpassung im Vordergrund. Die auslösenden Bewegungen sollten temporär reduziert oder vermieden werden. Bei Sportlerinnen und Sportlern bedeutet das oft eine Pause von Überkopfaktivitäten und Krafttraining für Schulter und Arme. Kühle Anwendungen in den ersten Tagen reduzieren die akute Reizung. Entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen oder Diclofenac in Standarddosierung über eine bis zwei Wochen helfen bei Schmerz und Entzündung.
Der zentrale therapeutische Baustein ist die strukturierte Physiotherapie. Sie kombiniert Mobilisationstechniken der Schulter, gezielte Kräftigung der stabilisierenden Muskulatur (insbesondere der Rotatorenmanschette und der Schulterblatt-Stabilisatoren) und exzentrische Übungen für die Bizepssehne selbst. Wärmeanwendungen in der subakuten Phase verbessern die Durchblutung und Regeneration.
Bei anhaltenden Beschwerden können ergänzende Therapien sinnvoll sein. Die fokussierte Stoßwellentherapie hat sich bei chronischen Sehnenreizungen in mehreren Studien bewährt. Die Eigenbluttherapie mit aus dem eigenen Blut gewonnenen Wachstumsfaktoren kann die Sehnenregeneration unterstützen und ist bei chronisch degenerativen Verläufen eine wertvolle Option. Kortisoninjektionen direkt in die Bizepssehnenrinne werden zurückhaltend eingesetzt, weil sie die Sehnenqualität langfristig beeinträchtigen und das Rupturrisiko erhöhen können.
Übungen bei Bizepssehnenentzündung
Ein gezieltes Übungsprogramm ist der wichtigste selbst umsetzbare Baustein. Bewährt haben sich mehrere Übungen. Sanfte Mobilisation der Schulter mit Pendel-Übungen im Vorbeugen entlastet die Sehne und fördert die Durchblutung. Isometrische Kraftübungen für die Rotatorenmanschette mit einem Theraband: Sie halten den Ellenbogen am Körper und rotieren den Unterarm langsam gegen den Bandwiderstand nach innen und außen. Progressive exzentrische Kraftübungen für den Bizeps: Sie heben ein leichtes Gewicht (Wasserflasche oder Kurzhantel) mit beiden Händen an und lassen es dann langsam nur mit dem betroffenen Arm ab. Diese exzentrische Belastung verbessert nachweislich die Sehnenqualität. Wichtig ist ein progressiver Aufbau mit leichten Gewichten am Anfang.
Der Aufbau des unteren Trapeziusmuskels und des Serratus anterior verbessert die Schulterblatt-Stabilität und entlastet die Bizepssehne indirekt. Konsequente Ausführung über sechs bis zwölf Wochen führt bei den meisten Betroffenen zu deutlicher Besserung. Übungen sollten immer im schmerzarmen Bereich ausgeführt werden. Bewegungen, die starken Schmerz auslösen, sollten vermieden oder angepasst werden. Ideal ist die anfängliche Anleitung durch eine Physiotherapeutin oder einen Physiotherapeuten mit Kompetenz im Schulterbereich.
Wann wird operiert?
Die Operation ist bei der isolierten Bizepssehnenentzündung selten nötig. Sie kommt in Betracht bei therapieresistenten Verläufen mit anhaltenden Beschwerden trotz konsequenter konservativer Therapie über sechs Monate. Bei fortgeschrittener struktureller Sehnenschädigung mit hohem Rupturrisiko. Bei begleitenden Rotatorenmanschettenläsionen, die operativ versorgt werden. Bei komplettem Bizepssehnenriss bei jungen sportlich aktiven Patienten. Bei erheblicher Alltagseinschränkung durch die Sehnenreizung.
Als operative Verfahren stehen die Tenotomie (einfache Durchtrennung der Sehne) und die Tenodese (Durchtrennung mit anschließender Refixation am Oberarmknochen) zur Verfügung. Die Tenotomie ist einfacher, führt aber zu dem klassischen Popeye-Muskel. Die Tenodese erhält die Muskelkontur und wird bei jungen sportlich aktiven Patienten bevorzugt. Beide Verfahren werden meist arthroskopisch durchgeführt und mit anderen operativen Schritten (etwa der Rotatorenmanschettennaht) kombiniert.
Wie lange dauert die Heilung?
Die Heilungsdauer hängt vom Schweregrad und der Konsequenz der Behandlung ab. Eine akute Bizepssehnenentzündung ohne strukturelle Schädigung heilt bei konsequenter Behandlung meist innerhalb von vier bis acht Wochen aus. Eine chronische Bizepssehnenentzündung mit degenerativen Veränderungen braucht drei bis sechs Monate für die vollständige Ausheilung. Die volle Rückkehr in Überkopfsportarten kann bei ausgeprägten Formen bis zu sechs Monate dauern.
Wenn die Bizepssehnenentzündung „nicht weggeht", liegt das meist an einer nicht behobenen Grundursache. Häufige Gründe sind ein unbehandeltes Impingement-Syndrom, unzureichende oder fehlerhafte Physiotherapie, zu früher Wiedereinstieg in Belastung, unbehandelte Rotatorenmanschettenläsionen oder strukturelle Schäden der Sehne, die nur mit ergänzenden Therapien wie Eigenbluttherapie oder Stoßwelle in den Griff zu bekommen sind. Bei anhaltenden Beschwerden über zwölf Wochen sollte die Diagnostik neu bewertet werden.
Prävention
Wer einmal eine Bizepssehnenentzündung hatte, hat ein erhöhtes Risiko für Wiederholungen. Präventive Maßnahmen sind: konsequente Aufwärmroutine vor dem Sport, ausgewogenes Kraft- und Beweglichkeitstraining der gesamten Schulter (nicht nur des Bizeps), moderate Steigerung des Trainingsumfangs, Vermeidung einseitiger Belastungen, korrekte Technik bei Krafttraining und Überkopfsportarten, regelmäßige Selbstwahrnehmung für frühe Warnzeichen. Wer bei den ersten Anzeichen einer Reizung angepasst reagiert, verhindert oft eine ausgeprägte Chronifizierung.
FAQ: Häufige Fragen zur Bizepssehnenentzündung
Was tun bei einer Bizepssehnenentzündung?
In der Akutphase Belastung anpassen, kühlen und entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen oder Diclofenac zeitlich begrenzt einsetzen. Der zentrale Baustein ist die strukturierte Physiotherapie mit Kräftigung der stabilisierenden Muskulatur und exzentrischen Übungen für die Bizepssehne. Bei chronischen Verläufen können Stoßwellentherapie oder Eigenbluttherapie ergänzend helfen. Wichtig ist die Ursachensuche, insbesondere Ausschluss eines begleitenden Impingement-Syndroms oder einer Rotatorenmanschettenläsion.
Wie lange dauert die Heilung einer entzündeten Bizepssehne?
Eine akute Bizepssehnenentzündung heilt bei konsequenter Behandlung meist in vier bis acht Wochen aus. Chronische Formen mit degenerativen Veränderungen brauchen drei bis sechs Monate. Die volle Rückkehr in Überkopfsportarten kann bei ausgeprägten Verläufen bis zu sechs Monate dauern. Bei ausbleibender Besserung nach zwölf Wochen sollte die Diagnostik neu bewertet werden.
Wie fühlt sich eine Bizepssehnenentzündung an?
Klassisch mit einem stechenden Schmerz an der Vorderseite der Schulter, oft mit klarer Lokalisation an der knöchernen Rinne am Oberarmkopf. Der Schmerz strahlt häufig in den vorderen Oberarm bis zum Ellenbogen aus. Provoziert wird er durch Anheben des Arms nach vorne, Drehung des Unterarms und Kraft gegen Widerstand. Nachtschmerzen bei Seitenlage auf der betroffenen Schulter sind häufig.
Welche Übungen helfen gegen eine Bizepssehnenentzündung?
Pendel-Übungen zur sanften Mobilisation, isometrische Kraftübungen für die Rotatorenmanschette mit dem Theraband, progressive exzentrische Kraftübungen für den Bizeps (langsames Ablassen leichter Gewichte), Kräftigung der Schulterblatt-Stabilisatoren (unterer Trapezius, Serratus anterior). Wichtig ist die Ausführung im schmerzarmen Bereich und die anfängliche Anleitung durch eine Physiotherapeutin oder einen Physiotherapeuten.
Warum geht die Bizepssehnenentzündung nicht weg?
Häufigste Ursachen für therapieresistente Verläufe sind ein unbehandeltes Impingement-Syndrom, unzureichende oder falsche Physiotherapie, zu früher Wiedereinstieg in Belastung, unbehandelte Rotatorenmanschettenläsionen und strukturelle Sehnenschäden, die ergänzende Therapien wie Eigenbluttherapie oder Stoßwelle brauchen. Bei anhaltenden Beschwerden über zwölf Wochen sollte die Diagnostik neu bewertet werden.
Kann ich mit Bizepssehnenentzündung trainieren?
Grundsätzlich ja, aber angepasst. Vermeiden sollten Sie Überkopfbewegungen mit schwerer Belastung, intensives Bizeps-Curl-Training, schweres Bankdrücken und Schulterdrücken. Möglich bleiben Ausdauersport (Laufen, Radfahren, moderat Schwimmen), Beintraining, sanftes Krafttraining mit reduzierter Last für den Oberkörper. Wichtig ist der progressive Wiedereinstieg nach Abklingen der akuten Beschwerden.
Muss man eine Bizepssehnenentzündung operieren?
Nur selten. Etwa 80 Prozent der Betroffenen werden konservativ beschwerdefrei. Die Operation ist bei therapieresistenten Verläufen, fortgeschrittener struktureller Schädigung mit Rupturrisiko und bei begleitenden operationspflichtigen Rotatorenmanschettenläsionen sinnvoll. Standardverfahren sind die Tenotomie (einfache Sehnendurchtrennung) und die Tenodese (Refixation am Knochen), meist arthroskopisch.
Kann Eigenbluttherapie bei Bizepssehnenentzündung helfen?
Bei chronischen Bizepssehnenreizungen mit degenerativen Sehnenveränderungen kann die Eigenbluttherapie mit körpereigenen Wachstumsfaktoren die Sehnenregeneration unterstützen. Sie wird als Ergänzung zur konservativen Basistherapie eingesetzt, nicht als Monotherapie. Erste Ergebnisse sind meist nach sechs bis zwölf Wochen sichtbar.
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Weiterführende Informationen: Rotatorenmanschettenläsion in unserer Praxis