Skoliose bei Erwachsenen — anders als bei Kindern

Ein zunehmender Rückenschmerz nach dem 50. Lebensjahr. Ein sichtbarer Schulterschiefstand, den Sie plötzlich im Spiegel bemerken. Ein Gefühl der Unsicherheit beim Stehen, das mit den Jahren stärker wird. Skoliose bei Erwachsenen ist ein häufig übersehenes Krankheitsbild. Anders als die klassische Adoleszentenskoliose, die bei Jugendlichen im Wachstumsalter entdeckt wird, entwickelt sich die Erwachsenenskoliose oft schleichend und wird lange als „unspezifischer Rückenschmerz" fehldiagnostiziert. Es gibt zwei Grundformen: die persistierende Skoliose aus dem Jugendalter, die im Erwachsenenalter Beschwerden macht, und die degenerative de-novo-Skoliose, die erst im Erwachsenenalter durch Verschleiß entsteht. Beide unterscheiden sich in Diagnose und Behandlung von der Kinderskoliose. Dieser Beitrag zeigt, was wichtig ist.

Was ist Skoliose bei Erwachsenen?

Bei einer Skoliose ist die Wirbelsäule seitlich verkrümmt und meist gleichzeitig verdreht. Bei Kindern und Jugendlichen tritt sie meist ohne erkennbare Ursache auf (idiopathische Skoliose) und verschlimmert sich im Wachstum.

Bei Erwachsenen gibt es zwei Formen. Die persistierende idiopathische Skoliose aus dem Wachstumsalter, die im Erwachsenenalter zu Beschwerden führt. Diese Form ist meist stabiler in der Krümmung, macht aber im höheren Alter durch begleitenden Verschleiß Beschwerden. Die degenerative de-novo-Skoliose entwickelt sich erst nach dem 50. Lebensjahr durch asymmetrischen Verschleiß von Bandscheiben und kleinen Wirbelgelenken. Die Wirbelsäule kippt seitlich weg, klassisch in der Lendenwirbelsäule. Diese Form ist die häufigste Skolioseform im höheren Erwachsenenalter.

Wie äußert sich die Skoliose bei Erwachsenen?

Die Beschwerden entwickeln sich meist schleichend. Chronischer Rückenschmerz, oft mit Ausstrahlung ins Bein bei begleitenden Wurzelreizungen. Ein sichtbarer Schulterschiefstand, ein Beckenschiefstand oder eine Verschiebung des Oberkörpers zur Seite. Ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit beim Stehen und Gehen, das oft durch die veränderte Statik entsteht. Eine reduzierte Gehstrecke, weil die veränderte Wirbelsäulenstatik die Muskulatur schneller ermüdet. Bei fortgeschrittenen Formen können Atembeschwerden auftreten, wenn die Krümmung im Brustwirbelsäulenbereich stark ausgeprägt ist.

Charakteristisch ist die Kombination aus chronischem Rückenschmerz, sichtbarer Fehlstellung und funktionellen Einschränkungen. Anders als bei Kindern steht bei Erwachsenen der Schmerz und die Alltagseinschränkung im Vordergrund, nicht die kosmetische Frage.

Diagnostik in der Praxis

Die klinische Untersuchung mit Beurteilung der Rumpfhaltung, Schulter- und Beckenachse und Bewegungsumfang liefert erste Hinweise. Das Ganzwirbelsäulenröntgen im Stehen ist der Goldstandard und zeigt die Krümmung, den Cobb-Winkel und die Achsverhältnisse präzise. Für die strahlungsarme Verlaufskontrolle setzen wir die 4D Wirbelsäulenvermessung ein, die dreidimensionale Bilder ohne Strahlenbelastung liefert. Sie ist besonders wertvoll für regelmäßige Kontrollen. Bei ausstrahlenden Beschwerden mit Verdacht auf Nervenreizung ergänzen wir ein MRT und die EMG-Messung.

Konservative Behandlung

Die Behandlung der Erwachsenenskoliose ist bei den meisten Betroffenen konservativ. Sie stützt sich auf mehrere Bausteine. Regelmäßige Physiotherapie mit gezielter Kräftigung der Rumpfmuskulatur, insbesondere der tiefen stabilisierenden Muskulatur und der Rückenstrecker. Skoliose-spezifische Therapien wie die Schroth-Methode werden auch im Erwachsenenalter angewendet, wobei die Zielsetzung eher auf Schmerzreduktion und Stabilität als auf Korrektur der Krümmung liegt. Manuelle Techniken und Wärmeanwendungen reduzieren muskuläre Verspannungen.

Entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen helfen in Schüben zeitlich begrenzt. Bei begleitender degenerativer Wirbelsäulenerkrankung mit ausstrahlenden Beschwerden können periradikuläre Infiltrationen die Beschwerden gezielt lindern. In fortgeschrittenen Fällen mit deutlicher statischer Fehlstellung kann eine speziell angefertigte Orthese (Rumpforthese) helfen, die Fehlstellung teilweise auszugleichen und Schmerzen zu reduzieren.

Sport und Alltag bei Skoliose

Anders als vielfach angenommen ist Sport bei Skoliose ausdrücklich empfohlen. Empfehlenswert sind Sportarten, die symmetrisch belasten und die Rumpfmuskulatur trainieren: Schwimmen (besonders Rückenkraul), Nordic Walking, Aquagymnastik, Yoga unter Anleitung, Pilates und moderates Krafttraining. Zu meiden sind Sportarten mit einseitiger Belastung (Golf, Tennis, Speerwurf) in kompetitivem Umfang und Extremsportarten mit hohem Sturzrisiko. Alltags-Tipps sind: ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes, regelmäßige Bewegungspausen bei sitzender Arbeit, Vermeiden von einseitigem Tragen, symmetrische Sitzposition und ergonomische Matratze mit passendem Kissen.

Wann wird operiert?

Die Operation ist bei Erwachsenenskoliose selten und wird individuell entschieden. Sinnvoll wird sie bei starker, konservativ nicht beherrschbarer Schmerzsymptomatik, deutlicher progressiver Fehlstellung, ausgeprägten neurologischen Ausfällen und Alltagsbeeinträchtigung, die die Lebensqualität massiv einschränkt. Der Eingriff ist eine große Wirbelsäulenoperation mit langer Rehabilitation. Er wird nur in spezialisierten Zentren durchgeführt.

FAQ: Häufige Fragen zur Skoliose bei Erwachsenen

Was tun bei Skoliose bei Erwachsenen?


Der wichtigste Schritt ist die klare Diagnose durch Untersuchung und Bildgebung. Konservative Therapie mit regelmäßiger Physiotherapie, gezielter Rumpfmuskelkräftigung, angemessener Bewegung und ergonomischer Anpassung des Alltags ist die Basis. In Schüben helfen entzündungshemmende Schmerzmittel. Bei ausstrahlenden Beschwerden können periradikuläre Infiltrationen sinnvoll sein. Die Operation ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Wird eine Skoliose im Alter schlimmer?


Ja, bei vielen Betroffenen. Die persistierende Skoliose aus dem Jugendalter kann im Erwachsenenalter durch begleitenden Verschleiß symptomatisch werden. Die degenerative de-novo-Skoliose entwickelt sich erst im Alter durch asymmetrischen Verschleiß und schreitet oft langsam voran. Regelmäßige Bewegung, gezielter Muskelaufbau und ergonomischer Alltag verlangsamen die Progression deutlich.

Was darf man mit Skoliose nicht machen?


Zu meiden sind einseitige Belastungen (immer nur eine Tasche auf derselben Schulter), Extremsportarten mit hohem Sturzrisiko, sitzende Berufe ohne Bewegungspausen, längeres Sitzen in ergonomisch schlechten Positionen und schweres Heben in Rotation. Kompetitiver einseitiger Sport (Golf, Tennis) sollte durch Ausgleichstraining kompensiert werden.

Welcher Sport ist gut für Skoliose?


Symmetrisch belastende Sportarten sind ideal. Schwimmen, insbesondere Rückenkraul, ist einer der am häufigsten empfohlenen Sportarten. Nordic Walking, Aquagymnastik, Yoga unter Anleitung und Pilates trainieren die tiefe Rumpfmuskulatur und verbessern die Körperwahrnehmung. Auch moderates Krafttraining mit Fokus auf Rumpfstabilität ist sinnvoll.

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