Anatomie: Die stärkste Sehne des Körpers
Die Achillessehne ist die dickste und stärkste Sehne des menschlichen Körpers. Sie verbindet die Wadenmuskulatur, den zweiköpfigen Gastrocnemius und den darunter liegenden Soleus, mit dem Fersenbein (Calcaneus). Bei jedem Schritt überträgt sie das Vielfache des Körpergewichts, beim Joggen bis zum Siebenfachen, beim Springen und Sprinten sogar zehnfach. Sie ist damit einer der am stärksten belasteten Strukturen des Bewegungsapparats überhaupt.
Trotz ihrer enormen Belastbarkeit hat die Achillessehne eine anatomische Schwachstelle. Etwa zwei bis sechs Zentimeter oberhalb ihres Ansatzes am Fersenbein liegt ein Bereich mit vergleichsweise schlechter Durchblutung. Dort passiert in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Riss. Diese schlechte Durchblutung ist auch der Grund, warum die Heilung nach einem Riss so lange dauert und warum sich die Achillodynie, also die chronische Reizung der Achillessehne, oft so schwer behandeln lässt.
Wie kommt es zum Achillessehnenriss?
Der Achillessehnenriss ist praktisch nie ein Zufall. In den meisten Fällen liegt eine altersbedingte oder überlastungsbedingte Vorschädigung der Sehne vor, oft ohne dass die Betroffenen davon wissen. Kleine Mikrorisse, kollagenolytische Veränderungen und Durchblutungsstörungen summieren sich über Jahre. Wenn dann eine plötzliche Belastung dazukommt, der Antritt, der Sprung, der Absprung, hält die geschwächte Sehne den Kräften nicht mehr stand und reißt.
Klassische Risiko-Situationen sind Rückkehrer in den Sport nach längerer Pause, insbesondere in Sportarten mit explosiven Bewegungen wie Squash, Tennis, Fußball und Volleyball. Auch Läuferinnen und Läufer mit rapide gesteigertem Trainingsumfang sind gefährdet. Weitere Risikofaktoren sind bestimmte Antibiotika der Fluorchinolon-Gruppe (Ciprofloxacin, Levofloxacin), Kortison-Injektionen in die Sehne selbst, Übergewicht, verkürzte Wadenmuskulatur und Fußfehlstellungen wie ein Knick-Senkfuß.
Die typischen Symptome
Der Achillessehnenriss ist im Regelfall unverkennbar. Fast alle Betroffenen berichten von einem hörbaren oder deutlich spürbaren Knallen im Moment der Verletzung, viele beschreiben es, als sei jemand von hinten gegen die Wade getreten und schauen sich reflexartig um, weil sie einen Gegner vermuten. Der Schmerz ist im ersten Moment intensiv, lässt aber überraschend schnell nach. Was bleibt, ist eine deutliche Kraftminderung im Fuß: Das Aufstehen auf die Zehenspitzen ist auf dem betroffenen Bein nicht mehr möglich, der Abstoß beim Gehen fühlt sich seltsam „leer" an.
Bei genauer Untersuchung lässt sich oft eine tastbare Delle in der Sehne fühlen, an genau der Stelle, wo die beiden Enden auseinandergewichen sind. In den folgenden Tagen bildet sich ein Bluterguss, der über die Wade nach unten wandert und die Ferse bläulich-violett färbt. Die Wade wirkt schlaffer, weil ihre Vorspannung durch den Riss verloren gegangen ist.
Kann man mit gerissener Achillessehne gehen?
Diese Frage stellen sich fast alle Betroffenen und die Antwort ist überraschend: In den meisten Fällen ja. Trotz kompletter Ruptur ist Gehen mit Schonhaltung möglich. Der Grund liegt darin, dass die Fußhebung durch andere Muskeln (die Fußhebergruppen an der Vorderseite des Unterschenkels) und die Fußsenkung teilweise durch andere Muskeln (die tiefen Beugemuskeln und die Peroneusmuskulatur) kompensiert werden kann. Was fehlt, ist der kräftige Abstoß beim normalen Gehen und die Fähigkeit, sich auf die Zehenspitzen zu stellen. Das Rückwärtsgehen und schnelle Beschleunigen ist ebenfalls stark beeinträchtigt.
Diese Fähigkeit zum Weiterlaufen führt oft zu einer verzögerten Diagnose. Viele Betroffene glauben zunächst an eine Muskelzerrung und suchen erst nach Tagen einen Arzt auf. Aus medizinischer Sicht ist das ungünstig: Je früher die Diagnose gestellt und die Behandlung begonnen wird, desto besser sind die Ergebnisse. Bei einem Riss, der älter als drei bis vier Wochen ist, weichen die Sehnenenden weiter auseinander, die Enden werden „zottig" und schwerer zusammenzuführen. Eine spätere Rekonstruktion ist dann aufwändiger und die Heilung ungünstiger.
Diagnose in unserer Praxis
Die klinische Untersuchung ist bereits in vielen Fällen aussagekräftig. Der wichtigste Test ist der Thompson-Test: Sie liegen auf dem Bauch, das Knie ist gebeugt. Der Untersucher drückt die Wadenmuskulatur zusammen. Bei intakter Achillessehne folgt der Fuß dieser Bewegung und beugt sich in Richtung Fußsohle. Bei gerissener Sehne bewegt sich der Fuß nicht, die Verbindung zwischen Wade und Ferse ist unterbrochen. Ergänzend prüfen wir Kraft und Beweglichkeit, tasten die Sehne systematisch ab und suchen die typische Delle.
Der zweite Baustein ist der Ultraschall. Er ist bei der Achillessehnendiagnostik ideal schnell, dynamisch, sofort verfügbar. Wir sehen den Riss direkt, können den Abstand zwischen den Sehnenenden messen und beobachten, wie sich das Ganze bei Bewegung verhält. Bei unklaren Befunden oder für die Operationsplanung ergänzen wir ein MRT, das die genaue Struktur der Sehne und den Zustand des umgebenden Gewebes präzise abbildet.
Konservativ oder operativ — die moderne Entscheidung
Die klassische Regel „junge Sportler operieren, ältere Patienten konservativ" ist überholt. Heute ist die Entscheidung differenzierter. Zwei Faktoren stehen im Vordergrund: die Zeit seit der Verletzung und der Abstand zwischen den Sehnenenden. Bei einer frischen Verletzung, innerhalb der ersten Woche, und einem Abstand der Sehnenenden von weniger als fünf Millimetern in Spitzfußstellung ist die konservative Behandlung im Spezialschuh eine denkbare Option. Große aktuelle Studien zeigen, dass die funktionelle konservative Therapie in dieser Konstellation den gleichen Kraftaufbau und ähnliche Re-Ruptur-Raten wie die Operation liefert, allerdings ohne Operationsrisiko.
Bei größerem Abstand der Sehnenenden, bei einem Riss älter als zwei bis drei Wochen, bei sportlich sehr aktiven Patientinnen und Patienten mit hoher Sportambition und bei Wiederholungsrissen bevorzugen wir die operative Rekonstruktion. Der Eingriff erfolgt heute meist minimalinvasiv über einen kleinen Zugang, die Sehne wird per Naht wieder verbunden, das Ergebnis wird durch spezielle Nahttechniken stabil.
Ergänzend nutzen wir bei ausgewählten Fällen die Eigenbluttherapie. Das aus Ihrem eigenen Blut gewonnene plättchenreiche Plasma wird im Rahmen der Behandlung an die Sehnenenden gebracht. Die enthaltenen Wachstumsfaktoren beschleunigen die zelluläre Regeneration und verbessern die Sehnenqualität, sowohl bei konservativer Behandlung als auch begleitend zur Operation.
Der Spezialschuh — Schlüssel der konservativen Behandlung
Die konservative Behandlung ist heute nicht mehr die Ruhigstellung im Gipsverband über Wochen. Stattdessen kommt ein funktioneller Spezialschuh zum Einsatz, ein Schuh mit einer erhöhten Ferse, der den Fuß in eine leichte Spitzfußstellung bringt und damit die gerissenen Sehnenenden zusammenschiebt. Die Erhöhung wird über die kommenden Wochen schrittweise reduziert, sodass die Sehne unter kontrollierter Belastung heilt.
Der Spezialschuh wird in der Regel sechs bis acht Wochen getragen, danach folgt der Übergang in einen normalen Schuh mit Fersenerhöhung durch orthopädische Einlagen. Ab der ersten Woche ist teilweises Belasten möglich, ab der dritten bis vierten Woche volles Belasten unter Nutzung des Spezialschuhs. Dieses Konzept ist als „funktionelle konservative Therapie" bekannt und liefert bei richtiger Anwendung sehr gute Ergebnisse.
Rehabilitation und die Rückkehr in den Sport
Unabhängig davon, ob operativ oder konservativ behandelt wurde, folgt eine strukturierte Rehabilitationsphase. In den ersten zwei bis vier Wochen steht die kontrollierte Belastungssteigerung im Spezialschuh im Vordergrund. Ab der vierten bis sechsten Woche beginnt die Physiotherapie mit Mobilisation des Sprunggelenks, sanften Kräftigungsübungen und Koordinationstraining. Ab der achten bis zwölften Woche folgt der schrittweise Aufbau der Wadenkraft mit exzentrischen Übungen, sie sind für die Sehnenqualität besonders wichtig.
Die Rückkehr in den Sport ist ein gestaffelter Prozess. Radfahren auf einem Standrad ist nach vier bis sechs Wochen möglich, Schwimmen nach acht bis zehn Wochen. Joggen auf ebenem, weichem Untergrund nach etwa vier bis sechs Monaten, Sprintbelastungen nach sechs Monaten. Volle Rückkehr in Stopp-and-go-Sportarten wie Fußball, Squash oder Tennis dauert neun bis zwölf Monate. Diese Zeitspanne ist medizinisch begründet: Die geheilte Sehne braucht diese Monate, um ihre volle Belastbarkeit und Elastizität zu erreichen.
Prävention — was Sie langfristig tun können
Die beste Behandlung ist immer die Prävention. Regelmäßiges exzentrisches Wadentraining ist der wirksamste Schutz vor Achillessehnenrissen. Zwei- bis dreimal pro Woche 15 bis 20 Wiederholungen langsame Fersenlockersenkungen an einer Stufe halten die Sehnenqualität hoch. Ausreichendes Aufwärmen vor intensiven Sportbelastungen, allmähliche Steigerung des Trainingsumfangs (nicht mehr als zehn Prozent Steigerung pro Woche) und der Verzicht auf explosive Belastungen ohne vorherige Vorbereitung schützen zusätzlich.
Wenn Sie regelmäßig Läufer sind: Achten Sie auf Warnsignale einer beginnenden Achillodynie. Morgendliche Steifheit der Sehne, spürbare Schmerzen zu Beginn der Belastung, ein „Anschwingen" der Sehne bei bestimmten Bewegungen, das sind Signale, die Sie ernst nehmen sollten. Frühzeitig behandelt lässt sich die chronische Achillessehnenreizung meist gut in den Griff bekommen und ein späterer Riss vermeiden.
FAQ — Häufige Fragen zum Achillessehnenriss
Wie lange dauert die Heilung bei einem Achillessehnenriss?
Die eigentliche Sehnenheilung braucht sechs bis zwölf Wochen unter Spezialschuh oder nach Operation. Die volle Belastbarkeit der Sehne wird aber erst nach neun bis zwölf Monaten erreicht. Alltag ist meist nach vier bis sechs Wochen möglich, Bürojobs oft schon nach zwei bis drei Wochen. Für die Rückkehr in Sportarten mit Sprüngen und schnellen Richtungswechseln müssen Sie mit neun bis zwölf Monaten rechnen, diese Zeit ist medizinisch nicht abkürzbar, ohne das Rezidivrisiko zu erhöhen.
Kann man Gehen, wenn die Achillessehne gerissen ist?
Ja, in den meisten Fällen ist das Gehen mit Schonhaltung noch möglich. Was nicht mehr geht, ist das Aufstehen auf die Zehenspitzen und der kräftige Abstoß beim Gehen. Das ist der Grund, warum viele Betroffene die Diagnose zunächst unterschätzen. Wichtig: Auch wenn Sie noch gehen können, ist der Achillessehnenriss eine ernsthafte Verletzung, die zeitnah orthopädisch abgeklärt und behandelt werden muss.
Wie behandelt man einen Achillessehnenriss?
Es gibt zwei etablierte Behandlungswege: die konservative Therapie im funktionellen Spezialschuh und die operative Rekonstruktion. Die konservative Behandlung ist bei frischen Rissen und guter Adaptation der Sehnenenden eine hervorragende Option. Die Operation wird bei größeren Sehnenlücken, älteren Rissen und bei sehr sportlich aktiven Patientinnen und Patienten bevorzugt. Beide Verfahren liefern bei richtiger Indikationsstellung sehr gute Ergebnisse. Ergänzend kann die Eigenbluttherapie die Sehnenheilung unterstützen.
Ist ein Achillessehnenriss eine schwere Verletzung?
Ja, medizinisch handelt es sich um eine ernsthafte Verletzung. Die längste und stärkste Sehne des Körpers ist durchgerissen, die Wadenmuskulatur hat ihre Verbindung zum Fersenbein verloren. Ohne adäquate Behandlung heilt der Riss oft in Verlängerung, die Wadenkraft bleibt dauerhaft eingeschränkt, das Rezidivrisiko steigt und die Sehne bleibt anfällig für weitere Probleme. Mit richtiger Behandlung ist die Prognose aber sehr gut, die meisten Betroffenen kehren nach zwölf Monaten in ihre gewohnten Sportarten zurück.
Muss man einen Achillessehnenriss operieren?
Nicht in jedem Fall. Bei frischen Rissen mit geringem Sehnenspalt in Spitzfußstellung ist die konservative Behandlung im Spezialschuh der Operation gleichwertig, bei geringerem Komplikationsrisiko. Bei größerem Sehnenspalt, älteren Rissen, sportlich sehr aktiven Menschen und Wiederholungsrissen bevorzugen wir die Operation. Die individuelle Entscheidung treffen wir gemeinsam mit Ihnen anhand von Alter, Aktivitätsniveau, Sportambition und der genauen Rissform.
Was ist ein Achillessehnen-Spezialschuh?
Ein orthopädischer Schuh mit einer erhöhten Ferse, die den Fuß in leichte Spitzfußstellung bringt und damit die Sehnenenden zusammenschiebt. Er wird sechs bis acht Wochen getragen, wobei die Fersenhöhe schrittweise reduziert wird. Moderne Spezialschuhe ermöglichen von Anfang an teilweises Belasten und erlauben die funktionelle konservative Therapie. Der Übergang in einen normalen Schuh erfolgt schrittweise, oft mit Fersenerhöhung durch Einlagen für weitere Wochen.
Wann darf ich nach Achillessehnenriss wieder Fußball spielen?
Frühestens nach neun Monaten, besser nach zwölf Monaten und nur nach vollständig abgeschlossener Rehabilitation mit Rückkehr zur vollen Wadenkraft. Sportartspezifische Tests, Sprungkraft, Sprintgeschwindigkeit, seitliche Wendigkeit, sollten mit dem gesunden Bein vergleichbar sein. Wer zu früh spielt, riskiert einen Rezidivriss der geheilten Sehne, oder statistisch häufiger, einen Riss der Achillessehne der Gegenseite.
Kann die Eigenbluttherapie die Sehnenheilung beschleunigen?
Bei bestimmten Konstellationen ja. Die aus Ihrem eigenen Blut gewonnenen Wachstumsfaktoren fördern die zelluläre Regeneration und verbessern die Sehnenqualität. Wir setzen die Eigenbluttherapie als Ergänzung zur konservativen Behandlung ein, nicht als Ersatz für Spezialschuh oder Operation, sondern als Ergänzung, die die biologischen Heilungsprozesse unterstützt.
Termin vereinbaren: online über Doctolib
Weiterführende Informationen: Eigenbluttherapie bei Sehnenverletzungen