Piriformis-Syndrom: wenn der Schmerz tief im Gesäß sitzt

Ein tief im Gesäß sitzender Schmerz, der beim langen Sitzen schlimmer wird, beim Autofahren nervt und manchmal in die Rückseite des Oberschenkels zieht: Das ist das typische Bild des Piriformis-Syndroms. Weil der Schmerz dem eines Ischias ähnelt, wird er oft mit einem Bandscheibenvorfall verwechselt. Die Behandlung unterscheidet sich aber deutlich. In diesem Beitrag erklären wir, was der Piriformismuskel macht, wie wir das Syndrom erkennen und welche Übungen tatsächlich etwas bringen.

Was ist der Piriformismuskel?

Der Musculus piriformis, auf Deutsch Birnenmuskel, liegt tief im Gesäß. Er zieht vom Kreuzbein zum großen Rollhügel des Oberschenkelknochens und dreht das Bein nach außen. Beim Gehen, Laufen und Treppensteigen stabilisiert er zusammen mit der übrigen Gesäßmuskulatur das Becken.

Direkt unter oder, bei einem Teil der Menschen, mitten durch diesen Muskel verläuft der Ischiasnerv. Verspannt oder verdickt sich der Muskel, kann er den Nerv reizen. Genau das beschreibt der Begriff Piriformis-Syndrom: eine Reizung des Ischiasnervs außerhalb der Wirbelsäule, im Gesäßbereich.

Welche Symptome sind typisch?

Im Vordergrund steht ein tiefer, dumpfer oder brennender Schmerz im Gesäß, meist einseitig. Er verstärkt sich beim längeren Sitzen, besonders auf harten Flächen, beim Aufstehen aus dem Sitzen, beim Treppensteigen und manchmal beim Laufen. Viele Betroffene berichten, dass sie im Auto oder im Büro nach 20 bis 30 Minuten die Sitzposition wechseln müssen. Der Schmerz kann in die Rückseite des Oberschenkels ausstrahlen, endet aber meist oberhalb der Kniekehle. Kribbeln ist möglich, eine echte Taubheit oder eine Muskelschwäche im Bein gehört dagegen nicht zum Bild und spricht für eine Ursache an der Wirbelsäule.

Ein Hinweis, der uns in der Sprechstunde oft weiterhilft, ist die Frage nach dem Sitzen. Wer nach 20 Minuten im Auto aufstehen muss und beim Gehen Erleichterung spürt, hat eher ein Problem im Gesäß als an der Bandscheibe.

Wie entsteht ein Piriformis-Syndrom?

Häufig steht eine Kombination aus viel Sitzen und zu wenig Hüftstabilität dahinter. Wer den Tag überwiegend sitzend verbringt, belastet den Muskel dauerhaft in verkürzter Position. Dazu kommen typische Auslöser wie eine rasche Steigerung des Lauftrainings, Bergläufe, Radfahren mit zu hohem Sattel, ein Sturz auf das Gesäß, langes Sitzen auf einer dicken Geldbörse in der Gesäßtasche oder eine ungleiche Beinlänge. Auch nach einer längeren Schonung wegen anderer Beschwerden kann der Muskel überlastet reagieren, weil die große Gesäßmuskulatur an Kraft verloren hat.

Wie grenzen wir es vom Ischias ab?

Das ist der wichtigste Punkt, denn beide Beschwerdebilder betreffen denselben Nerv, nur an unterschiedlicher Stelle. Bei einem Bandscheibenvorfall oder einer Einengung an der Wirbelsäule beginnt der Schmerz meist im Rücken, zieht über das Gesäß bis unter das Knie, oft bis in Fuß oder Zehen, und wird von Kribbeln, Taubheit oder Kraftverlust begleitet. Husten, Niesen und Pressen verstärken ihn typischerweise. Beim Piriformis-Syndrom liegt der Schmerzschwerpunkt im Gesäß, verstärkt sich durch Sitzen und Druck auf den Muskel und bleibt meist oberhalb des Knies. Mehr zur Nervenwurzelreizung lesen Sie im Beitrag zu Ischias und Bandscheibenvorfall.

Auch das Iliosakralgelenk kommt als Quelle infrage. Dann sitzt der Schmerzpunkt weiter oben, über dem Gesäß, wie wir im Beitrag zur ISG-Blockade beschreiben. Kribbeln in beiden Beinen oder in den Füßen hat wiederum andere Ursachen, die wir im Beitrag zu Kribbeln in den Beinen erklären.

Wie stellen wir die Diagnose?

Es gibt keinen Test und kein Bild, das ein Piriformis-Syndrom beweist. Die Diagnose ergibt sich aus dem typischen Beschwerdemuster, dem Druckschmerz über dem Muskel und mehreren Provokationstests, bei denen der Muskel gedehnt oder gegen Widerstand angespannt wird. Ergänzend prüfen wir Reflexe, Kraft und Gefühl im Bein, um eine Nervenwurzelreizung auszuschließen, und untersuchen Hüfte und Iliosakralgelenk mit.

Bildgebung brauchen wir vor allem zum Ausschluss anderer Ursachen. Ein MRT der Lendenwirbelsäule ist sinnvoll, wenn neurologische Ausfälle bestehen oder die Beschwerden trotz Behandlung anhalten. Wir sagen offen, dass diese Diagnose eine Ausschlussdiagnose ist. Deshalb behandeln wir zuerst konsequent und schauen nach einigen Wochen, ob der Verlauf die Annahme bestätigt.

Was hilft beim Piriformis-Syndrom?

Der erste Schritt ist, die Dauerbelastung zu unterbrechen: Sitzphasen regelmäßig unterbrechen, Sitzposition verändern, die Geldbörse aus der Gesäßtasche nehmen, bei Läuferinnen und Läufern Umfang und Bergtraining vorübergehend reduzieren.

Den größten Teil der Arbeit macht die Physiotherapie. Dehnübungen für den Birnenmuskel lindern den Schmerz oft schon nach wenigen Tagen, etwa das Anziehen des angewinkelten Beins zur Gegenschulter in Rückenlage oder die Taubenstellung. Mindestens genauso wichtig ist die Kräftigung der großen Gesäßmuskulatur und der Hüftabspreizer, weil der Birnenmuskel sonst weiter kompensiert. Wir sehen oft, dass nur gedehnt wird und die Beschwerden nach ein paar Wochen zurückkommen. Dehnen nimmt den Schmerz, Kraft hält ihn fern. Ergänzend können Wärme, eine vorsichtige Behandlung mit der Faszienrolle und manuelle Techniken helfen.

Reichen diese Maßnahmen nicht, kommen gezielte Injektionen in den Muskel infrage, meist unter Ultraschallkontrolle. Sie können den Teufelskreis aus Verspannung und Schmerz unterbrechen und die Übungsbehandlung erst möglich machen. Operative Verfahren sind sehr selten nötig.

Wie lange dauert ein Piriformis-Syndrom?

Bei frühem Beginn der Behandlung bessern sich die Beschwerden häufig innerhalb von vier bis acht Wochen deutlich. Bestehen sie schon Monate, dauert es länger, weil die Gesäßmuskulatur dann meist deutlich an Kraft verloren hat. Rückfälle sind möglich, wenn die auslösende Belastung bestehen bleibt, etwa bei unverändert langem Sitzen ohne Ausgleich.

Wann sollten Sie zum Arzt?

Abklären lassen sollten Sie Gesäß- und Beinschmerzen, die länger als zwei bis drei Wochen bestehen, die nach einem Sturz auftreten oder die mit Kribbeln und Taubheit einhergehen. Umgehend in die Notaufnahme gehören Beschwerden mit Taubheit im Genital- oder Gesäßbereich, Problemen beim Wasserlassen oder Stuhlgang oder einer rasch zunehmenden Schwäche im Bein.

In unserer orthopädischen Praxis im Kölner Agnesviertel trennen wir Gesäßschmerzen sauber nach ihrer Quelle: Muskel, Iliosakralgelenk, Hüfte oder Nervenwurzel. Daraus ergibt sich ein Übungsprogramm, das zu Ihrem Alltag und Ihrem Sport passt.

FAQ: Häufige Fragen zum Piriformis-Syndrom

Wie erkenne ich ein Piriformis-Syndrom?

Typisch sind ein tiefer, einseitiger Gesäßschmerz, Verstärkung beim längeren Sitzen und beim Aufstehen sowie Ausstrahlung in die Rückseite des Oberschenkels bis oberhalb des Knies. Deutliche Taubheit oder Kraftverlust sprechen eher für eine Ursache an der Wirbelsäule.

Welche Übungen helfen beim Piriformis-Syndrom?

Bewährt sind Dehnungen wie das Anziehen des überkreuzten Beins zur Gegenschulter in Rückenlage und die Taubenstellung, dazu Kräftigung der Gesäßmuskulatur mit Beckenbrücke, seitlichem Beinheben und Ausfallschritten. Zwei bis drei Einheiten pro Woche über mehrere Wochen.

Wie lange dauert ein Piriformis-Syndrom?

Mit konsequenter Behandlung bessern sich die Beschwerden meist innerhalb von vier bis acht Wochen. Lange bestehende Beschwerden brauchen oft mehrere Monate, weil zusätzlich Kraft aufgebaut werden muss.

Was ist der Unterschied zwischen Piriformis-Syndrom und Ischias?

Beim Piriformis-Syndrom wird der Ischiasnerv im Gesäß gereizt, der Schmerz bleibt meist oberhalb des Knies. Beim klassischen Ischias liegt die Reizung an der Nervenwurzel in der Wirbelsäule, der Schmerz zieht häufig bis in Unterschenkel oder Fuß, oft mit Kribbeln oder Taubheit.

Hilft eine Faszienrolle beim Piriformis-Syndrom?

Viele Betroffene empfinden eine vorsichtige Behandlung mit der Rolle oder einem Ball als angenehm. Zu starker Druck direkt auf den Nervenverlauf kann die Beschwerden aber verstärken. Kurze, dosierte Anwendungen sind sinnvoller als langes, hartes Rollen.

Darf ich mit einem Piriformis-Syndrom Sport machen?

Ja, in angepasster Form. Radfahren mit korrekter Sattelhöhe, Schwimmen und Krafttraining im schmerzarmen Bereich sind meist gut möglich. Bergläufe, lange Läufe und langes Sitzen sollten in der akuten Phase reduziert werden.

Wie sitze ich am Arbeitsplatz richtig?

Hilfreich sind ein regelmäßiger Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, eine leicht abfallende Sitzfläche, beide Füße flach am Boden und eine Pause mit Bewegung alle 30 bis 45 Minuten. Die Geldbörse gehört nicht in die Gesäßtasche.

Welcher Arzt behandelt ein Piriformis-Syndrom?

Eine orthopädische Praxis ist die richtige Anlaufstelle. Dort werden Wirbelsäule, Iliosakralgelenk, Hüfte und Muskulatur gemeinsam untersucht, die Nervenfunktion geprüft und die Therapie gesteuert.

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Weiterführende Informationen: Spinalkanal- und Foramenstenose

Über den Autor: Dr. med. Christian Fluck ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin und AGA-zertifizierter Arthroskopeur. Zum Profil von Dr. Fluck

Medizinisch geprüft von Dr. med. Christian Fluck · Stand: Oktober 2026

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